Das Waldgleichnis

Wir Menschen durchstreifen das Leben wie einen Wald,
einen Wald, den unsere Zivilisation durchforstete,
mit Waldwegen und Zäunen versah.
Ich bin in diesen Wald geboren und sah nichts anderes.
So gehe ich den Weg, der mir gewiesen wird, vorbei an der Wildnis,
die ich wenig verstehe.
Das ist das Leben: Das Licht scheint mal heller, mal weniger hell durch die Wipfel;
mal ist der Pfad beschwerlich, dass ich ihm kaum folgen mag, mal ist er weit wie ein Platz,
dass ich mich verloren und einsam fühle.
Die Bäume wachsen in den Himmel – wenn ich den Kopf hebe und in ihre Kronen schaue,
wird mir schwindelig; die Wipfel liegen unendlich weit entfernt,
während der Boden mich festhält wie ein Magnet.
Könnte ich den größten dieser Bäume erklimmen – was würde ich auf dem Dach des Lebens erschauen?
Ich wandere auf meinen Wegen vorbei an den Bäumen, Pflanzen und anderen Erscheinungen des Lebens.
Nie sehe ich weit durch das Dickicht, so dass ich nicht weiß, wo ich hingelangen werde.
Ebenso wenig wie ich den Ort weiß, wo ich war, bevor ich den Wald betrat, kann ich sagen,
wo ich den Wald verlassen werde, und was mich dahinter erwartet.
Ich kenne nur den Wald.
Liegt hinter dem Wald das Meer, eine Steppe oder Wüste?
Ist dort vielleicht ein riesiger Abgrund, eine Schlucht oder eine Felswand, die himmelhoch aufragt?
Oder ist der Wald rundum von einer Mauer umgeben wie eine Burg?

Wir Menschen durchwandern das Leben wie einen Wald, und uns verbinden die Worte, auch die unausgesprochenen und scheinbar leeren – ganz so wie die Bäume sich mit den Zweigen und Blättern berühren – im Wind, im Farbenspiel des Lichts … Flüchtig sind diese Momente und verführerisch:
Woher weht der Wind? Wie kommt der Lichtstrahl in unser Leben?
Mehr Fragen als Antworten stellen sich auf unseren Wegen. Wir bemühen uns der Liebe wegen, eines Traumes wegen. Der eine tritt schon wieder aus dem Wald, bevor er richtig zu träumen anfing; während der andere ewig durch den Wald irrt, dabei den Traum seines Lebens längst aus den Augen verlor.
(…)

Über bonanzamargot

Ich wollte, es wäre immer Sommer. Ich wollte, ich wäre immer verliebt. Ich wollte, ich hätte nie Sorgen. Ich wollte, ich hätte unbegrenzt Zeit, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen: Die Welt um mich herum besser zu verstehen - die Menschen - die Liebe - den Tod...
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Eine Antwort zu Das Waldgleichnis

  1. LadylikeKandis schreibt:

    wir sollten viel öfter durch wälder laufen, uns verirren, den geräuschen lauschen und in baumstämme herzen mit anfangsbuchstaben ritzen.

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